Tradition - Leipziger Communalgarde e.V.

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Tradition

Auszüge aus „Illustrirte Zeitung“ vom 23. August 1845
Dauerleihgabe von Herrn Jörg Rothbarth.
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... Die neuesten Vorfälle in Leipzig ...

Mit blutigem Griffel ist die Geschichte der letzten Woche in die Annalen Leipzigs eingegraben, und wir erfüllen eine schmerzliche Pflicht, indem wir von einem Ereigniß berichten, welches die Brust jedes Vaterlandsfreundes mit dem tiefsten Kummer erfüllt hat.

...Den 12.August um 4 Uhr Nachmittags traf der Prinz Johann in Leipzig ein, um die gewöhnliche Musterung der Communalgarde abzuhalten. Gerüchte, dass es dabei zu Demonstartionen kommen werde, waren schon früher umgelaufen und eine ungeschickte, missverstandene Bekanntmachung,  die Tages vorher erschien, hatte sie nur noch mehr verbreitet. Die Revue verlief, unter gewaltigem Zudrang von Zuschauern, doch von Seiten der Communalgarde in ruhiger Weise, wenn auch die Stimmung sich etwas kühler zeigte, als gewöhnlich. Der Prinz belobte die Truppe nach Verdienst... Abends um 9 Uhr war zu Ehren des Prinzen der große Zapfenstreich  der Communalgarde, der fast jedes Mal nicht ohne allerlei Lärm und Unfug abgeht. Diesmal begann aber sofort ein ganz unerhörtes Geschrei, Gepfeife, Gezische, kurz der Versuch einer förmlichen Katzenmusik. Schmähungen aller Art wurden ausgestoßen und wechselten mit Lebehochs auf Ronge.Schon damals war jede Rücksicht vergessen, die man der ernsten, männlichen Würde des constitutionellen  Volkes, dem um Sachsen hochverdienten Bruder des allgeliebten Königs, dem dem Throne zunächst stehenden Sprossen des Königshauses, dem Gaste der Stadt und der  Communalgarde schuldig war... Die ganze Scene dauerte eine Stunde... Niemand hat den Versuch gemacht, die heftigsten Ruhestörer zu verhaften, worauf es doch zunächst ankommen musste.

Wären einige geachtete Männer vorgetreten und hätten zu dem Haufen gesprochen, vielleicht dass schon das gefruchtet hätte; wo nicht, so war die Communalgarde zu berufen und Alles wäre beseitigt gewesen... Gewiß ist jetzt, dass Prinz Johann weder die Herbeiziehung der bewaffneten Macht angeordnet, noch einen Befehl zum Feuern entheilt hat...


Endlich,erst am Nachmittag des 13. ließ man sich von einer Bürgerversammlung auffordern, die Sicherheit der Stadt der Communalgarde und den sich ihr anschließenden Studirenden zu vertrauen, und von diesem Augenblick an ward kein Ruhestörer mehr gesehen...


Die Entstehungsgeschichte der Leipziger Communalgarde


40 Jahre nach dem Sächsischen Bauernaufstand, im Jahre 1830, kommt es in Sachsen zu Rebellionen in den Städten.
Leipzig, am 2. September 1830 – Eine Polterabendgesellschaft tanzt und zerschlägt traditionsgemäß Geschirr. Die anrückende Polizei will den Lärm verbieten. Es kommt zu Wortwechseln und Handgreiflichkeiten. Die Polizei flieht vor den aufgebrachten Hochzeitsgästen. Dieser zunächst unbedeutend erscheinende Anlass führt zu 3 Tage und 3 Nächte langen Auseinandersetzungen. Schon seit Jahren hat sich der Unmut des Volkes aufgestaut. 1827 tritt der bereits 72-jährige König Anton die Regierung an. Er gilt im Volke als politisch unfähig und wenig ambitioniert. Auch sein mächtiger Kabinettsminister und alleiniger Ratgeber Detlef Graf von Einsiedel ist im Volke unbeliebt. Er gilt als Symbolfigur politischer Stagnation. Beide verfolgen ein Ziel – Alles soll beim Alten bleiben. Doch die Industrialisierung mit all seinen Folgen hat schon längst begonnen. Überall im Lande werden Fabriken gegründet. Das spätfeudale Herrschaftssystem ist überholt. 1830 laufen im Königreich Sachsen bereits 85 Baumwollspinnereien mit 32.000 Feinspindeln. Etwa 10.000 Menschen sind hier beschäftigt. Immer mehr Heimarbeiter und Handwerker stehen in Lohnabhängigkeit. Am Nachmittag des 4. August 1830 treffen erste sichere Nachrichten von der Französischen Julirevolution in Leipzig ein. Wieder einmal ist der Freiheitsgeist zuerst an der Seine erwacht. Die Freude über die erfolgreiche Revolution in Paris ist groß unter Leipzigs Bürgern. Der Unmut über eigene Spannungen mit der Obrigkeit wächst. Gewalt liegt in der Luft. Für Reformen scheint es jetzt zu spät. Der Funke der Revolution springt auf Leipzig über. Spontan schlagen Handwerkesgesellen, Manufakturarbeiter, Lehrlinge und Studenten in abendlicher Dunkelheit los, bis die Symbole des Hasses vernichtet und die Allmacht des Magistrates und der verhassten Polizei gebrochen sind. Ordnende und leitende Hand wird nur spontanen Führern zugeschrieben. Leipzig war der völligen Anarchie preisgegeben. Am nächsten Morgen herrscht Ernüchterung in der Stadt. Kein Toben mehr in den Straßen, doch die Furcht vor neuen gewaltsamen Ausbrüchen bleibt. In dieser Situation sendet der Magistrat einen dringenden Hilferuf um Militärunterstützung in die Residenz nach Dresden.

Auch die Bürger Leipzigs werden um Mithilfe bei der Wiederherstellung der Ordnung gebeten. Schnell entsteht die erste Leipziger Communalgarde – eine Art Bürgerwehr zum Schutz der Stadt. Die Communalgarde verkörpert ein neues bürgerliches Selbstbewusstsein. Die Garde ist in verschiedenen Korporationen unterteilt, nach Akademikern, Buchdruckern oder jungen Kaufleuten. Am folgenden Tag treffen auch die Soldaten aus Dresden ein. 1.000 Mann ist die Militärmacht stark, die nun für Ruhe und Ordnung in der Stadt sorgen soll. Im Leipziger Tageblatt erscheint zugleich eine Danksagung des Magistrats an die Bürger. Für die Regierung haben die Ereignisse Konsequenzen. Der unpopuläre König Anton nimmt seinen Neffen, den beliebten Friedrich August II., als Mitregent an seine Seite. Der geschätzte Reformator Bernhard August von Lindenau steigt zum Kabinettsminister auf. In der Lokalpolitik haben die Bürger nun die städtische Selbstverwaltung errungen. Ein erster Erfolg für das Bürgertum. Die Euphorie von 1830 hält nicht lange an. Bald stoppen die Reformen. Den wirtschaftlichen Aufschwung des Bürgertum tut das keinen Abbruch. Von politischer Mitbestimmung ist man aber meilenweit entfernt.



Bataillon Leipziger Communal-Garde um 1830

Quelle des Textes: „Die Geschichte Mitteldeutschlands“; mdr

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